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  • Thomas Schlagheck

Zwei „Power“-Frauen in der Männerdomäne „Schach“

Gemäß dem Wahlspruch der Weltschach-Organisation FIDE: „gens una sumus“ (frei übersetzt: Wir sind eine Familie) hatten sich auch beim diesjährigen Schach-Open in Senden Anfang Oktober 2007 Schachspieler vieler Nationen eingefunden. Dabei machten zwei Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts besonders auf sich aufmerksam, nicht nur wegen ihrer attraktiven Erscheinung, sondern auch wegen ihrer Fähigkeit, der männlichen Konkurrenz Paroli zu bieten. Das waren Julia Freitag im Open-Turnier und Maia Amirezashvili im Challenger-Turnier. Beide stammen aus Randbezirken Europas, aus Russland bzw. Georgien, studieren in Münster, die eine Englisch und Pädagogik, die andere Germanistik, und sprechen perfekt Deutsch. Sie waren in ihren Turnieren jeweils die stärksten Frauen und rangierten in der Schlussabrechnung weit vorn in dem ansonsten von Männer dominierten Teilnehmerfeld: Julia F. erreichte mit 6,5 Punkten aus 9 Partien, einen glänzenden geteilten 4. Platz in dem Turnier mit mehr als 100 Spielern. Damit lag sie nur 1 Punkt hinter dem Sieger. Maia A. erzielte mit 4,5 Punkten aus 7 Partien einen geteilten 10. Platz in dem Feld von 77 Teilnehmern. Sie verfehlte damit die Spitze nur um 1,5 Punkte. Beide Damen spielen ein schwungvolles Angriffsschach, bei dem die Eröffnungstheorie nicht die große Rolle spielt und taktische Manöver einen höheren Stellenwert besitzen als tiefsinnige strategische Pläne. Das erklärt zwar einiges, jedoch nicht, warum sie sich zu solch starken Spielerinnen entwickelt haben. Julia F., die ihr persönliches Glück in Steinfurt gefunden hat, stammt aus einer schachbegeisterten Familie: Vater und Bruder spielen ebenfalls Schach auf relativ hohem Niveau. Vielleicht liegt dieser Familie ja das Schach mehr als anderen im Blut. Vielleicht gibt es ja so etwas wie ein Schachgen, von dem Julia Sazanova, so hieß sie, bevor sie den sympathischen Michael Freitag aus Steinfurt ehelichte, profitiert. Aber das meiste dürfte auch hier fleißig erarbeitet worden sein. Wer in die großen Partiesammlungen, wie z.B. Megadatabase von chessbase, schaut, erkennt schnell, dass Julia ihr schachliches Niveau seit frühester Jugend in vielen harten Turnieren erworben hat: Hier soll beispielhaft nur auf die russischen Jugendmeisterschaften der Unter-14 J./ -16 J./ -18 J./ -20 J. alten Mädchen hingewiesen werden, an denen sie jeweils teilnahm. So war der Titel einer WFM, also eines weiblichen FIDE-Meisters, der Vorstufe zum Internationalen Meister, nur eine Frage der Zeit. Mit den Damen des SC Steinfurt hat sie in der letzten Saison den Aufstieg in die 2. Frauen-Bundesliga geschafft, an dem sie aufgrund ihrer Erfolge am ersten Brett maßgeblichen Anteil hatte. Keine Frage, dass sie auch in der ersten „Männermannschaft“ des Vereins willkommen ist. Maia A. stammt aus Georgien, einem Land, von dem ein Münsterischer Schriftsteller aufgrund eigener Erfahrung erst kürzlich behauptete: Es sei landschaftlich so reizvoll und mit einer ausgeprägten Gastfreundschaft und einer uralten, christlich geprägten Kultur, dass man es erfinden müsse, wenn es nicht schon existierte. Man kann schon nachvollziehen, dass in einer solchen Umgebung außergewöhnliche Menschen heranwachsen. Maia A. hat nach abgeschlossenem Studium in ihrer Heimat hier in Münster ein weiteres Studium aufgenommen und fühlt sich in Deutschland ausgesprochen wohl. Allerdings lässt ihr das Studium zusammen mit der Sicherung des Lebensunterhalts kaum Zeit, sich im Schachlichen weiterzubilden. Auch sie wurde in eine schachbegeisterte Familie hineingeboren. Vom Vater erlernte sie die Grundkenntnisse, Schwester und Großvater gehörten zu ihren ersten Gegnern. Ihr Talent, das in ihrer frühesten Jugend durch einen Trainer gefördert wurde, muss jetzt zusammen mit ihrem unermüdlichen Kampfgeist ausreichen, um am Brett zu bestehen. Dass das tatsächlich der Fall ist, zeigten dieses Turnier, aber auch ihre Einsätze beim SK Münster 32 in einer Männer- und der Frauen-Mannschaft.

Ein Anliegen betonen beide in gleicher Weise: Sie wünschen sich, dass mehr Frauen zum Schach finden und das Frauen-Schach auch hier in Deutschland einen höheren
Stellenwert erhält.

Wir wünschen den beiden Power-Frauen, die so überzeugende Botschafterinnen ihrer Länder sind, noch viele „Männer-Skalps“ am Schachbrett, einen weiteren steilen Anstieg ihrer Schach-Karrieren und den erhofften Aufschwung beim Frauenschach.

 

 

Zur Abbildung:

So friedlich wie hier sieht man die beiden, Julia F. (links) und Maia A., nur selten am Brett: Wenn sie spielen, steht das Brett meist „in Flammen“.

 

 

 

 

 

Wolf Dieter Raschke