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Presseartikel MZ : Schach in der JVA

Schach in der JVA: Erste Züge Richtung Freiheit

Von Florian Habersack am 12.11.2009 16:40 Uhr

MÜNSTER Der Raum ist eng bemessen. Gut 30 Zentimeter nach vorne – genauso viel Platz in der Breite. Und doch bewegt sich Hugo S.* einmal in der Woche in einer Welt mit unbegrenzten Möglichkeiten. Er besucht den Schachkurs in der JVA Münster. Eine Freiheit, die er seit sieben Monaten nicht mehr kennt. So lange sitzt er nun schon im Gefängnis.

Jeden Mittwochabend öffnet sich für Hugo S. die Tür zum Aufenthaltsraum. Auf den Tischen stehen die karierten Bretter mit den 32 Figuren, die darauf warten, wieder bewegt zu werden.

Hugo S. sucht sich einen Mithäftling zum Spiel. Ruhe, Konzentration, der Wille, keinen dummen Fehler zu machen: Beide Spieler genießen es, ihre Köpfe anzustrengen und für die Dauer des Spiels zu vergessen, dass sie in der Realität derzeit matt gesetzt sind. Hugo S. sagt: „Es ist wichtig für mich, diese Abwechslung zu haben. Ich fühle mich dann etwas freier.“ Aus freien Stücken findet Thomas Schlagheck (Foto) jede Woche den Weg in den Knast. Der 1. Vorsitzende des münsterschen Schachklubs SK 32 leitet seit einem Jahr den Kurs. Bereits in den 80er Jahren rief der SK 32 das Angebot ins Leben. Dann lag es einige Jahre brach, weil die Initiatoren zu alt wurden.

Schlagheck griff die alte Idee wieder auf. Mit Erfolg. Die Häftlinge zeigten großes Interesse und bewarben sich. Zwölf Gefangene nehmen derzeit am Schach-Kurs teil.

Der erste Kontakt

Als Schlagheck zum ersten Mal den Schachraum in der JVA betrat, beschlich ihn ein mulmiges Gefühl. Er erinnert sich: „Etwas kontaktscheu war ich zu Beginn schon. Man weiß, dass es einen Grund gibt, warum die Männer dort einsitzen.“
Aber das Eis ist bald gebrochen – das Schachspiel die Brücke in die Welt der Häftlinge. Die Atmosphäre ist gelöst. Die Teilnehmer unterhalten sich angeregt. Fachsimpeln oder erzählen sich von privaten Dingen. Schlagheck sagt: „Ich habe schnell vergessen, in was für einer speziellen Gruppe ich mich befinde.“ Ab und zu schaut ein Wärter vorbei – mitgespielt hat ein Aufseher bislang noch nicht. Von Anfang 20 bis Ende 50 sind die Häftlinge alt. Zweidrittel von ihnen sind aus dem osteuropäischen Raum. Schach ist dort eine Art Volkssport.

Auch Hugo S. spielt seit seinem zehnten Lebensjahr. Er sagt: „Es ist mir nicht wichtig, zu gewinnen. Aber ich bin einer der besten Spieler und verliere fast nie.“ Hugo S. hat auch schon vor seiner Zeit in der JVA Schach gespielt und sich dadurch Fähigkeiten erarbeitet, die bei manchen Mitgefangenen noch nicht so ausgeprägt sind: Schach erfordert Disziplin und viel Geduld. Die Häftlinge müssen lernen, zu verlieren. Und: zielgerichtet zu denken, einen Plan zu verfolgen und diesen zu Ende zu bringen.

Vorfreude belebt

Als Schlagheck die ersten Kurse leitete, bemerkte er, dass „viele Gefangene sehr ungeduldig waren“. Schach ist eine Schule für den Kopf und gut für die Seele. Hugo S. sagt: „In den Momenten am Schachbrett fühle ich mich richtig entspannt.“
Er kann nicht jede Woche am Kurs teilnehmen. Es kommt vor, dass der 34-Jährige für die Wäscheausgabe eingeteilt ist. Auch eine Ablenkung, aber eben nicht sehr geistreich. Der Mann, der in seiner Zelle gerne liest und zeichnet, braucht die Herausforderung: „Ich kann es kaum erwarten bis zum nächsten Kurs.“ Nach eineinhalb Stunden tritt Schlagheck durch das Gefängnistor. Er steigt in sein Auto auf der Gartenstraße, fährt zu seiner Familie. Hugo S. geht in seine Zelle. Er blickt auf die Freiheit hinter dem vergitterten Fenster und denkt nach. Über das, was er im Schachspiel gerade richtig gemacht hat – und über die falschen Züge, die ihm in seinem Leben unterlaufen sind.

Originaltext bei der MZ unter: http://www.muensterschezeitung.de/lokales/muenster/sport/Sport-in-Muenster-Erste-Zuege-Richtung-Freiheit;art1004,729823